Die Kunst ist tot, lang lebe die Kunst

Die Kontroverse um das KI-generierte Artwork „Théâtre D’opéra Spatial“ war zu erwarten. Meilensteine der Kunstgeschichte haben immer provoziert – und das ist auch gut so. Doch der Shitstorm weist auf ein noch viel wesentlicheres Problem hin: Unsere Gesellschaft krankt

Die Colorado State Fair ist ein Volksfest, das jedes Jahr Ende August in Pueblo, Colorado im Westen der USA stattfindet. Teil des Spektakels sind Wettbewerbe in allen möglichen Disziplinen, die vom Bierbrauen übers Puppenmachen bis zum Quilten reichen. Internationale Aufmerksamkeit erlangte kürzlich die Kategorie Bildende Kunst, in der – so die Berichterstattung – kein Mensch, sondern eine künstliche Intelligenz den ersten Platz belegt haben soll. Ganz korrekt ist diese Darstellung zwar nicht. Einen Shitstorm hat sie trotzdem ausgelöst.

“Ja, das ist ziemlich beschissen”

Der Brettspielentwickler Jason Allen hatte sich mit drei Bildern an dem Wettbewerb beteiligt, eines davon trug den Titel „Théâtre D’opéra Spatial“ und gewann den ersten Platz. Doch das ist nicht sein größtes Verdienst: Der Preis ging damit an ein Werk, das von der KI Midjourney kreiert wurde. Eine Zäsur in der Geschichte der Kunst, die heftige Diskussionen nach sich zog.

Allen berichtete in einem Discord-Channel der Midjourney-Community von der Erstplatzierung des KI-generierten Bildes, woraufhin 235 User Emoticons an den Post hefteten. Davon waren 48 Emoticons skeptisch bis eindeutig negativ konnotiert, der Rest positiv bis uneindeutig. Die Resonanz hielt sich damit noch in Grenzen. Doch dann gelangte ein Screenshot des Posts über den Illustrator @GenelJumalon auf Twitter, wo die Neuigkeit wie eine Bombe einschlug.

„Jemand hat mit einem KI-generierten Bild an einem Wettbewerb teilgenommen und den ersten Platz belegt.

Ja, das ist ziemlich beschissen.“

@GenelJumalon auf Twitter

Der Tweet von @GenelJumalon wurde inzwischen über 13 000 Mal retweetet, fast 90 000 Mal geherzt und rund 1900 Mal überwiegend zustimmend kommentiert (Stand: 11.9.2022, 16:49). User @eldritch48 bezweifelte in seinem Kommentar, dass Allen den Einfluss der künstlichen Intelligenz transparent gemacht hatte: “Das größere Problem ist, dass die Juroren (vermutlich) nicht wussten, dass es sich um eine KI handelte, und trotzdem dachten, es sei gut genug, um zu gewinnen. Das verheißt nichts Gutes für die Diskussion über die Illustration “Mensch gegen KI”.” Der Twitter-Kommentar bekam bis zum oben genannten Zeitpunkt fast 8500 Likes.

Allen sagte Medienberichten zufolge, er habe seine Beiträge gekennzeichnet als “Jason Allen via Midjourney”. Die Jury soll das inzwischen bestätigt haben. Zwei Tage nach seinem viralen Tweet bedankte sich der Illustrator @GenelJumalon mit einem neuen Tweet bei zahlreichen neuen Followern mit der Aufforderung, „menschliche Künstler“ zu unterstützen.

Infokasten | Der Kunstwettbewerb der Colorado State Fair teilt sich in zwei Hauptkategorien, eine für aufstrebende Künstler und eine für Profis. Zudem gibt es jeweils die Unterkategorien Malerei, Zeichnen, Bildhauerei, Fotografie, Mixed Media, Schmuck- und Metallschmiedekunst, Kulturerbe und Digital Art. Der Wettbewerb richtet sich allein an Künstler in den USA, die derzeit etwa 331,5 Millionen Einwohner hat. In der Kategorie der aufstrebenden Künstler sind 265 Werke eingereicht worden. (In der Kategorie der Profis waren es 173 Bilder, das nur der Vollständigkeit halber – bleiben wir bei den aufstrebenden Künstlern.) Die meisten Einsendungen, nämlich 108, kamen hier in der Unterkategorie Malerei, gefolgt von der Fotografie (52), der Bildhauerei (29), den Mixed Medias (28), den Digital Arts (18), dem Kulturerbe (5) und der Schmiedekunst (1). Da neben Jason Allen auch andere mehrere Bilder eingereicht haben, konkurrierten mit ihm elf aufstrebende Künstler im Bereich Digital Art um das Preisgeld von 300 Dollar. (Quelle: Colorado State Fair)

Allen gegen den Status quo

Dass gerade Künstler empfindlich auf das Ergebnis des Wettbewerbs reagieren, ist bedenklich. Es bedeutet Stillstand in einer der dynamischsten und aufgeschlossensten Szenen der Welt.

Was ist Kunst?

Mit dieser Frage beschäftigen sich Kunsttheoretiker und Philosophen seit Jahrhunderten. Der Philosoph Martin Heidegger sprach vom “Rätsel der Kunst”, das es zu sehen, nicht zu lösen gelte – ein Leitsatz mit Gültigkeit. Als die digitale Kunst in Mode kam, wurde sie verteufelt als etwas, das die traditionelle Kunst, die aufwendigen Techniken der Altmeister, das komplexe Handwerk des Künstlers verdrängen würde. Inzwischen hat sich Digital Art eine eigene Nische geschaffen, in der, wie wir sehen, sogar Wettbewerbe abgehalten werden – ohne, dass die traditionelle Malerei dabei Schaden genommen hätte.

Möglich war das durch die Neugierde und Aufgeschlossenheit der Künstler wie der Rezipienten — und die Natur der Kunst. Kunst ist Entwicklung, denn Kunst kommentiert eine Welt, die sich wandelt. Stillstand in der Kunst ist wie das Ende des Atmens, also der von Allens Kritikern befürchtete Tod.

Die Kunst hat sich in der Geschichte ständig neu erfunden, und wo sie in der breiten Masse aneckte, da hat sie sich in Gruppen wie der Brücke und dem Blauen Reiter vereint und gegenseitig gestärkt. Kunst widersteht Diktaturen und ist ein Mittel der jugendlichen Rebellion. Bleistifte, Öl- und Acrylfarben, Graffiti, Collagen und Plakate, jede Technik, jedes Mittel, jede Ausdrucksform hatte eine Stunde Null. Viele wurden kritisiert, manche werden bis heute diskutiert, aber keine löst einen Shitstorm aus.

Eine Folge der Netflix-Serie “Uncoupled” bietet eine spannende Analogie: Hier sehen wir eine Ausstellung sexuell eindeutiger Comic-Kunst und einen tonangebenden Kunstsammler, der ganz in der Tradition des Wagnerschen Sixtus Beckmesser urteilt: “Das ist keine Kunst.” Der Kurator der Ausstellung sieht das anders, und auch andere Besucher lassen sich überzeugen. Die ausgestellte Kunst provoziert, fordert heraus, regt zum Nachdenken an und forciert eine Veränderung des Status quo.

Genau das tun Allen und Midjourney, mit großem Erfolg. Die negative Resonanz auf ihr gemeinsames Werk ist traurig, aber wäre sie ausschließlich positiv ausgefallen, hätte etwas nicht gestimmt.

Der Mensch in der KI-Kunst

“Midjourney ist ein unabhängiges Forschungslabor, das neue Denkmedien erforscht und die Vorstellungskraft der menschlichen Spezies erweitert”: So lautet die Selbstbeschreibung des elfköpfigen Entwicklerteams hinter der KI, deren Bild in Colorado den ersten Platz belegt hat. Ganz allein hat die KI das natürlich nicht geschafft – eine Tatsache, die von Kritikern gern vergessen wird und vielen Menschen schlicht nicht bewusst ist. Denn heutige KIs sind keineswegs intelligent.

Prominente Warnungen vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz schaffen es schnell in die breiten Medien und so in das Bewusstsein der Gesellschaft. Besonders dann, wenn die Überlegenheit des Menschen auf dem Spiel steht. Was dabei untergeht: Warnungen vor einer übermächtig Maschinenintelligenz beruhen auf Gedankenspielen. Die sind wichtig und richtig, denn nur wer vorausdenkt, kann Vorsichtsmaßnahmen treffen. Doch heutige KIs scheitern bereits an zwei grundlegenden Merkmalen von Intelligenz: Common Sense und Kreativität.

Murray Shanahan, Professor für Kognitive Robotik am Imperial College London, versteht unter Common Sense die Fähigkeit, die “Funktionsprinzipien der Alltagswelt” zu begreifen (“Die technologische Singularität”, Murray Shanahan, The MIT Press, 2015). Darunter fallen so einfache Dinge wie, dass man, “wenn man ganz um ein Ding herumgeht, wieder am Ausgangspunkt ankommt”. Und mit Kreativität meint Shanahan nicht etwa die große Kunst, sondern zum Beispiel die Veränderung des eigenen Verhaltens oder alten Dingen einen neuen Zweck zuzuweisen.

Mein Kater hat mehr Common Sense als jede moderne KI: Er weiß, wenn er an einer Tür hochspringt und die Klinke nach unten zieht, geht die Tür auf. Einer KI müsste das erst gesagt werden.

Künstliche Intelligenzen haben kein Verständnis für Ursache und Wirkung. Für den kleinen Spezialbereich, in dem sie zum Einsatz kommen sollen, müssen sie aufwendig trainiert werden. Danach sind sie lediglich in diesem Bereich zu gebrauchen. So wird Midjourney niemals ein Auto steuern, und kein Tesla wird jemals ein Bild malen. Letztlich ist künstliche Intelligenz also nur ein Werkzeug für Menschen, die durch sie hochkomplexe Rechenvorgänge automatisieren wollen.

Auch KI-Kunstsysteme wie Midjourney müssen aufwendig trainiert werden, bevor sie neue Kreationen hervorbringen können. Dazu benötigen sie Material in Form von Bildern, die bereits in der Welt sind. Ist KI-Kunst deshalb letztlich nur eine Nachahmung oder gar ein Plagiat?

Nicht unbedingt. Tatsächlich entspricht dieser Prozess demjenigen der menschlichen Inspiration. Kunst entsteht und entstand schon immer aus bestehender Kunst: Autoren lesen Bücher, um daran zu wachsen. Künstler besuchen Ausstellungen, um ihren kreativen Geist zu nähren. Ingenieure suchen Vorbilder in der Natur, um neue Technologien zu erschaffen. Und KIs wie Midjourney geben ihren Nutzern Zugang zu der gesammelten Kreativität der Menschheit. So entstehen Werke, die wiederum die Kreativität beflügeln werden. Ein Kreislauf grenzenloser Inspiration.

Bleibt noch zu erwähnen, dass Allens Beitrag zum Siegerbild entscheidend war für seine Entstehung. Er hat sich das Motiv ausgedacht. Und sein Pinsel war Code.

Künstler, habt Vertrauen

Ein Trigger und die Emotionen kochen hoch: Das ist normal, fast schon trivial, nicht nur auf Twitter. Der Motor ist die Angst, und die ist niemals weit, wenn es um künstliche Intelligenz geht. Kritiker fürchten häufig um Jobs, und so ist es auch diesmal. Steht der Beruf des Künstlers vor dem Untergang? Kaum. Schon seit den Sechzigerjahren experimentieren Künstler mit Computerprogrammen, die automatisch Bilder generieren. Das hat die Szene nicht ärmer, sondern vielseitiger gemacht.

Zudem stellt sich die Frage: Warum beauftragt jemand einen Künstler? Die Gründe sind mannigfaltig, die persönliche Note, die Fähigkeit des Menschen, Feinheiten und Vorlieben zu erfassen, und die individuelle Motivwahl dürften dazu gehören. Künstler, die befürchten, von Maschinen verdrängt zu werden, mangelt es möglicherweise an Verständnis für die Komplexität der menschlichen Kreativität – und an Selbstvertrauen in das eigene Schaffen. Unsere Gesellschaft krankt nicht etwa an KI-Kunst, sondern an einem Klima, das toxischen Wettbewerb und Versagensängste begünstigt.

2 thoughts on “Die Kunst ist tot, lang lebe die Kunst

  1. V.D.Richards (aka Uddelhexe) says:

    Ein Vergleich, den ich nicht mag ist, das Ki Szenario mit dem digitalen Malen/Zeichnen zu vergleichen.
    Die digitalen Programme sind nur ein Werkzeug, so wie es ein Pinsel und ein Stift ist.
    Man kann keine gute Kunst erschaffen, wenn man nicht geübt hat, nichts erlernt hat. Mann muss irgendeinen Skill entwickelt haben.
    Ich brauche für die digitalen Sachen sogar oft länger und es ist schwieriger, in den Bezug zum Werk zu kommen, als wenn da Papier oder Leinwand vor einem liegt.

    Mit Ai muss man nichts können, außer ein paar Wörter in ein Programm einzuspeisen. Das Werk, dass dem entspringt hat nichts mit der Vorstellungskraft des “Künstlers” zu tun, noch mit der des Programms. Es hat keine Seele. Und in anderen Fällen hat es die zerfetzten Seelen von hunderten in sich, die man schreien hört. Neurodivergente Menschen nehmen auch die “objektiv schönen” Bilder oft als verstörend war. Weil wir die Künstlichkeit in den Bildern fühlen. Auf den ersten Blick sehen mache aus wie Konzept art, doch etwas fühlt sich falsch an. Andere sind eine so abscheuliche Mischung menschlicher Abgründe, dass es nicht auszuhalten ist.

    Ich erinnere mich an das Experiment, bei dem man einen Bot über Twitter (ich glaube es war Twitter), hat lernen lassen. Nach kurzer Zeit beleidigte und ranzte das Programm nur noch rum. Weil es das ist, was passiert, wenn man ohne moralische und selbstbewusste Reflexion Daten aufnimmt und verarbeitet, um menschliche Denkprozesse zu imitieren.

    Was ist Kunst? Für mich ist auch der Prozess. Die Sketche auf dem Weg dahin. Die verworfenen Ideen. Die Tränen, wenn es nicht richtig wird. Die Seele, die auch in dem Bild eines Kindes steckt.
    Kunst sollte kein Produkt sein, in dem nur das hochpolierte Ergebnis und dessen Massentauglichkeit zählt.
    Ich bin nicht mal ein Freund dieser hochpolierten Werke, wenn sie von Menschen gemacht sind. Sie sind seelenlos. Leer. Nichtssagend.

    Die für die Öffentlichkeit zum Gebrauch zugänglichen KI’s, aber ich lasse mich da gerne korrigieren, lernen kein Handwerk. Sie lernen die Worte des Menschen möglichst genau mit wahrscheinlichen gewünschten Bildergebnissen zu versorgen.
    Die AI’s, die vielleicht einen echten Denkprozess und eigenen Gedanken zu einem Thema haben können, sind sicherlich nicht die, die man im www nutzt um mit Prompts wie “Elefant-fliegt-auf-Melone-Sonnenuntergang” dazu bringt, absurde Frankenkunst auszuspucken.

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